Warum Stahlrahmen strahlen statt schleifen?
Klassische Stahlrahmen aus Cr-Mo, Reynolds- oder Columbus-Rohrsätzen haben Rohrwandstärken zwischen 0,7 und 1,2 mm. Mechanisches Schleifen erreicht weder die Innenseiten der Muffen noch die Lötzonen sauber, chemisches Abbeizen bleibt in Hohlräumen zurück. Strahlen mit feiner Kupferschlacke entfernt Altlack, Pulverbeschichtung und Flugrost in einem Arbeitsgang und legt eine gleichmäßige, mineralische Oberfläche frei – ideale Voraussetzung für eine neue Pulverbeschichtung oder Nasslackierung.
Kupferschlacke nach DIN EN ISO 11126-3 ist silikosefrei (unter ein Prozent freie Kieselsäure), Härte 6–7 Mohs, scharfkantig und hinterlässt keine Eisenrückstände, die später Pittingbildung verursachen könnten. Quarzsand ist nach TRGS 559 in Deutschland verboten.
Aluminium und Carbon: Materialhinweise
Aluminiumrahmen sollten nicht mit eisenhaltigen Strahlmitteln behandelt werden, da Eisenrückstände Korrosion (Kontaktkorrosion) auslösen können. Für Aluminium werden in der Regel nichteisenhaltige Strahlmittel wie Glasperlen, Korund oder Aluminiumoxid bevorzugt. Carbonrahmen sind für Strahlverfahren grundsätzlich nicht geeignet – die Faserstruktur kann beschädigt werden. Verbindlich sind die Vorgaben des Rahmenherstellers.
Bauteilbezogene Richtwerte für Stahlrahmen
| Bauteil | Körnung | Druck | Düsenabstand |
|---|---|---|---|
| Dünnwandige Rohre (Oberrohr, Sitzrohr) | 0,2–0,5 mm | 3–4 bar | 25–30 cm |
| Unterrohr, Tretlagermuffe | 0,2–0,5 mm | 3–5 bar | 20–30 cm |
| Gabel, Hinterbau | 0,2–0,8 mm | 4–5 bar | 20–25 cm |
| Stahlfelgen, Schutzbleche | 0,5–1,0 mm | 4–6 bar | 20–25 cm |
| Lenker, Vorbau (Stahl) | 0,2–0,5 mm | 3–4 bar | 25–30 cm |
Schritt für Schritt – Vorgehen aus der Praxis
- Rahmen demontieren: Innenlager, Steuersatz, Sattelstütze, Gewindeeinsätze entfernen oder gründlich abkleben.
- Lager- und Gewindeflächen schützen: Tretlagergehäuse, Steuerrohr und Schaltauge mit Stopfen oder Klebeband sichern.
- Probe an unsichtbarer Stelle: Druck und Körnung an einer Innenseite des Hinterbaus testen, bevor sichtbare Bereiche bearbeitet werden.
- Strahlen in Bahnen: 25–30 cm Düsenabstand, 45–60° Winkel, gleichmäßig bewegen und nicht an einer Stelle verweilen.
- Lötstellen schonen: Muffenverbindungen und Lötzonen mit reduziertem Druck bearbeiten – Lot ist weicher als Stahl.
- Abblasen und prüfen: Rahmen mit ölfreier Druckluft ausblasen, Innenseiten kontrollieren.
- Zeitnah grundieren: Innerhalb weniger Stunden zur Pulverbeschichtung geben oder mit 2K-EP-Grundierung versehen, um Flugrost zu vermeiden.
Verbrauch pro Fahrrad
| Fahrradtyp | Strahlmittel gesamt | Säcke à 25 kg |
|---|---|---|
| Stahlrennrad-Rahmen | 5–10 kg | 1 |
| Tourenrad-Rahmen mit Gabel | 8–15 kg | 1 |
| MTB-Hardtail-Rahmen | 10–20 kg | 1 |
| Komplettes Vintage-Fahrrad mit Anbauteilen | 20–40 kg | 1–2 |
Häufige Fehler bei der Fahrradrestaurierung
- Zu grobe Körnung – kann sichtbare Strahlspuren auf dünnen Rohren hinterlassen.
- Zu hoher Druck – kann Lötstellen schwächen oder Materialschwund an Tube-Enden verursachen.
- Verweilen an einer Stelle – kann lokale Vertiefungen oder Wandstärkenreduzierung erzeugen.
- Nicht abgedeckte Lager- und Gewindeflächen – erfordern später aufwendige Nacharbeit.
- Verzögerte Grundierung – Flugrost kann sich innerhalb weniger Stunden bilden.
- Aluminium- oder Carbonrahmen mit eisenhaltigem Strahlmittel – kann Materialschäden verursachen.
Sicherheit und Vorschriften
Beim Strahlen sind die Vorgaben aus TRGS 559 (Quarzhaltige Stäube), DGUV-Regel 100-500 (Betreiben von Arbeitsmitteln) und DGUV-Information 209-053 zu beachten. Pflichtausrüstung: Strahlhelm mit Frischluftzufuhr, Schutzanzug, Schutzhandschuhe, Sicherheitsschuhe, Gehörschutz. Strahlarbeiten sind in geschlossenen Strahlkabinen oder Strahlräumen mit geeigneter Absaugung durchzuführen. Verbrauchtes, reines Strahlmittel: Abfallschlüssel 12 01 21 (nicht gefährlich); mit Lackrückständen 12 01 16. Weitere Hinweise unter BAuA und Wikipedia: Kupferschlacke.